Dienstag, 17. Juni 2014

Yoko Saito - Japanische Quilts. 29 Projekte mit Anleitungen und Schnittmustern

Inspiration zu Näh- und Bastelprojekten findet sich bekanntlich in vielfältiger Gestalt. Zeitschriften, Videos, Online-Beiträge, Pinterest - für jede Facon gibt es das passende Format. Am liebsten verbinde ich zwei meiner größten Passionen: Bücher und Handarbeiten passen einfach perfekt zusammen. Blättern, Stöbern, Markieren, Planen – durch ein gutes Handarbeitsbuch wird bereits die Phase vor dem Werkeln zum Erlebnis. Meine ausgewählte Sammlung wurde nun um „Japanische Quilts. 29 Projekte mit Anleitungen und Schnittmustern“ von Yoko Saito erweitert. Vorweg kann ich vermelden, dass meine Nähliste direkt um ein paar weitere Punkte angewachsen ist.

Das Cover.
 Pastelltöne, Sommerquilts und bunte Kinderstoffe sind in dem Augenblick vergessen, indem man das Buch der Dozentin und Stoffladenbesitzerin aus Japan zum ersten Mal zur Hand nimmt. Wo sonst oft klare Farbmixe dominieren, bestechen die im ersten Abschnitt des Buches vorgestellten Projekte besonders durch die zurückhaltende Farbwahl. Die harmonisch komponierten Fotos setzen die 29 unterschiedlichen Nähwerke gekonnt in Szene, nur ab und an wäre ein Detailfoto oder ein größerer Kontrast zum Hintergrund wünschenswert gewesen. Trotz der Schönheit der Abbildungen bleibt hier ein wenig Verbesserungspotential.

Wie bereits der allgemein gefasste Titel erkennen lässt, steht weder eine spezielle Technik noch ein besonderes Machwerk im Zentrum. Über die Hälfte der möglichen Projekte sind Taschenvariationen, daneben finden sich aber auch Aufbewahrungselemente für Handarbeitsutensilien, Wandquilts, Kissenbezüge und sogar eine Schürze. Auch die verwendeten Patchworkmuster und Techniken sind vielfältig. Von geometrischen Formen über niedliche Applikationen bis zu verschnörkelten Ornamenten ist für jeden etwas dabei. Der gemeinsame Nenner aller ist das feine Händchen, mit dem Stoffe, Muster und Schnitt zusammengestellt wurden.
Dabei orientiert sich die Autorin, die in ihrem Laden auch Workshops anbietet, an modernen Trends und traditionellen Techniken gleichermaßen. Die zurückhaltenden Farbtöne der Projekte zeigen die Wurzeln des japanischen Kulturerbes. Daneben lassen sie die Schnitte besonders schön zur Geltung kommen und Raum für eigene Ideen.

Zwei ausgewählte Projektseiten.
Die Kreativität des Lesers anzuregen ist sowieso das Grundkonzept dieses Buches. Zwar bietet es genaue Anleitungen zum Nacharbeiten der einzelnen Modelle, Saito betont aber noch vor den eigentlichen Anleitungen im zweiten Teil des Buches, dass der Leser aufgefordert ist, die Schnitte und Modelle zu verändern, anzupassen und „einfach mal zu machen“. Aus eigener Erfahrung kennt die Japanerin den Frust vieler Stoffschnipselnäher: Trotz größtmöglicher Anstrengungen werden die streng geometrischen Muster am Ende doch nicht ganz gerade. Statt sich über diesen „Mangel“ zu ärgern, wird der Fehler nun zum Markenzeichen. Nach dieser Idee sollen die Muster am Ende nicht penibel und symmetrisch aufgebaut sein, sondern organisch zu der Natürlichkeit der Stoffe passen.

Hält man sich diese Idee vor Augen, tröstet es über manch kleine Schwächen der Anleitungen hinweg. Beispielsweise sind grundsätzliche Angaben zum Materialverbrauch enthalten, mehr als grobe Richtlinien sind die Maßgaben jedoch nicht. Der genaue Verbrauch hängt entscheidend von der Stoffauswahl des Lesers ab, dieser bekommt in der Regel jedoch keine Anhaltspunkte welche oder wie viele unterschiedliche Stoffe er  kombinieren soll. Bei wenigen Modellen werden Tipps zur Stoffverteilung gegeben, darüber hinaus ist das Schneiderlein auf sich allein gestellt. Das könnte gerade für Nähanfänger eine Herausforderung sein.
Ebenfalls herausfordernd sind die Schnittmusterbögen, die zumindest den großen Teil der Muster widergeben. Hier ist der Verwender darauf angewiesen, die Muster erst noch abzupausen und würde er ein Projekt exakt nacharbeiten wollen, gäbe es wohl für jedes Stoffstückchen ein Schnittmusterteil. Stattdessen sollten die Schnitte wohl einfach mutig frei nachgearbeitet werden.

Die Anleitungen selbst sind schließlich auch besonders: Entgegen der europäischen oder amerikanischen Tradition sind diese nicht vertextlicht, sondern werden durch Zeichnungen mit wenigen Erläuterungen gegeben. Für bestimmte Arbeitsschritte haben Zeichnungen echte Vorteile, dennoch ist es sicherlich für einen Neuling japanischer Anleitungen gewöhnungsbedürftig. Dabei handelt es sich im Grunde genommen nicht um ein echtes Manko, denn diese Darstellungsweise ermöglichen es, auch die komplexeren Projekte auf maximal zwei Seiten zu erklären.

Links: Ein Beispiel für eine Anleitungsseite. Rechts: Ein Schnittmustebogen.
Schließlich wird der Charakter als Fortgeschrittenenbuch dadurch betont, dass eine allgemeine Erklärung zum Patchworken oder Quilten fehlt. Neben den projektbezogenen Instruktionen werden nur ausgewählte Techniken en detail vorgestellt. So finden sich kleine Hinweise zur freien Gestaltung von Log-Cabin-Mustern, zur Trapuntotechnik, zur Candlewick-Stickerei, zu verschiedenen Sticktechniken, zur Reverse-Applikation, für normale Applikationen, zur Verwendung von Paspelschnur und zum Annähen eines Magnetverschlusses.

Auch wenn die Anleitungstechnik, der Schnittmusterbogen oder das viele Handnähen bisweilen eine Herausforderung sind, erfahrene Quilter (oder sehr ambitionierte Neulinge) sollten sich dieser stellen: Die sorgfältig zusammengestellten Projekte und Anleitungen, die wunderschönen Fotos und das fertige Werk am Ende sind es wert! Daher: Eine absolute Kaufempfehlung für Quilting-Begeisterte!

Die Stoffstückchen für mein erstes Projekt aus dem Buch - übrigens das Täschchen von Seite 12, dass ihr oben seht!

Ich bedanke mich beim Stiebner Verlag für die kosten- und bedingungslose Bereitstellung dieses Rezensionsexemplares!
 Weitere Besprechungen zu Büchern kreativer Spielarten findet ihr in meinem offenen Bücherregal!

Kommentare:

  1. ...und mit den Bilder dazu wird die Rezi noch mal so schön :D
    Und yay, die Tasche ist es also geworden - da bin ich ja schon super auf das Endergebnis gespannt ^^
    Und freue mich bis dahin auf weitere Rezis :D

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    1. Ich bin auch gespannt wie das Ergebnis am Ende aussieht! So freies Arbeiten ist für mich doch etwas ungewohnt... ^^

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  2. Japanische Craft-Bücher finde ich ziemlich spannend, weil sie gefühlt nur zwischen super-kawaii und sehr gediegen schwanken. Dieses Buch ist ganz klar eines von der letzteren Sorte. XD
    Es sieht aber wirklich hübsch aus und ich finde, dass du dir ein ganz tolles erstes Projekt ausgesucht hast. Ich freue mich auf das Ergebnis. :D

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    1. Ja, damit triffst du es wirklich auf den Punkt! :D
      (Modell Kawaii habe ich übrigens auch schon zu Hause, allerdings für Filznäharbeiten und auf japanisch. Mit deutscher Übersetzung lässt es sich sehr viel einfacher Arbeiten!)

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  3. Für mich wär das jetzt nix, weil ich die Technik nicht beherrsche (und zu faul bin), aber mir gefällt 1. die Tasche auf dem Cover extrem gut, und 2. mag ich für Handarbeitssachen gezeichnete Anleitungen. Das sagt mir oft viel mehr als Texte. =)

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    1. Also wär großflächig Häkelquadrate zu einem Säulenschoner zusammen häkeln kann, kann auch patchworken. Den Faulheitsaspekt kann ich aber schon irgendwie verstehen. *g*

      Das Cover ist mir auch direkt ins Auge gesprungen! Voll toll!

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