Donnerstag, 31. Juli 2014

Jo Barnfield - Vintage, Modeklassiker der 1920er bis 1970er Jahre

Der Mut zum Schnittmuster übermannt mich nicht nur bei schicken Hosen sondern auch, wenn ich „Vintage“ lese. Überall gibt es Vintage – von aktuellen Modelinien zu Möbeln bis hin zu „wiederentdeckten“ Rezepten – alles, was man auf einem Flohmarkt kaufen könnte, wird „Opfer“ dieses Trends. Auch wenn das jetzt etwas negativ klingen mag: Ich bin Vintage-Fan! Daher konnte mich „Vintage – Modeklassiker der 1920er bis 1970er Jahre“ von Jo Barnfield direkt neugierig machen. Neben dem vielversprechenden Titel und ersten optischen Eindrücken bietet das Cover direkt noch Informationen darüber, was das Buch dem geneigten Leser alles liefern möchte: Schnitte, Nähanleitungen und einen Styleguide. Klingt ein bisschen nach der eierlegenden Wollmilchsau, oder?

Cover und obligatorische Merkzettel.
Bereits mit Geschichten zu einem einzigen Kleidungsstück ließen sich problemlos mehrere Bücher füllen. Daher ist das Vorhaben, verschiedene Elemente einer Garderobe in einem Buch vorzustellen und dazu auch noch Nähanleitungen zu präsentieren, mehr als ambitioniert, zumal das Softcoverbuch mit knapp 200 Seiten auskommt. Die Autorin, welche unter anderem Dozentin an der Bath Spa University war, geht daher pragmatisch an die Mammutaufgabe. Nachdem sie dem Leser kurz und knackig allgemeine Hinweise zu den Schnittmustern und einen Überblick über die Stilepochen der 1920er bis 1970er-Jahre gegeben hat, steigt sie in ihren „Lehrstoff“ ein. Dabei sind die folgenden Kapitel nach Kleidungsstücken sortiert: Stellvertretend für wesentliche Stilelemente werden innerhalb der Kategorien Kleider, Blusen, Röcke, Hosen, Jacken/Mäntel, Dessous und Accessoires vorgestellt, die ihre Modeepoche prägten. So kann der Leser sich gezielt über ein Kleidungsstück und seine Veränderungen im Laufe der Zeit informieren. Schwerer wird hingegen, ein einheitliches Outfit zu einem Jahrzehnt zu kreieren.

Für einen Styleguide ist das Text-Bild-Verhältnis insgesamt angemessen.
Der rein informative Styleguide ist dabei im Grunde stets gleich aufgebaut: Auf einer Doppelseite wird das Modell – wie beispielsweise oben der spitze Kragen der 1970er-Jahre – aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. In Wort und Bild findet sich zuerst ein knapper Rückblick auf die Ursprünge des Objektes. Der Illustration dienen dabei leider ausschließlich Zeichnungen. Diese stammen zwar, soweit erkennbar, von originalen Schnittmustern der Marke Simplicity, ergänzend hätte ich an dieser Stelle aber gern auch authentische Fotos des angesprochenen Looks gesehen. Diese gibt es dann aber zumindest für aktuelle Adaptionen, dabei zeigen sowohl Designerstücke als auch Konfektionsware unterschiedliche Facetten einer heutigen Interpretation. Zu lesen gibt es außerdem einen kurzen Text zur Historie sowie einen überblickshaften Stilvergleich. Zusammen mit den allgemeinen Nähtipps vermag dies insgesamt einen Eindruck zu vermitteln, die Informationsdichte bleibt allerdings auf einem eher gemächlichen Level. Wäre dies eine Vorlesung der Autorin, würde es sich sicherlich um die Einführungsveranstaltung zur Modegeschichte handeln.

Gelungene Beispiele eines modernen Vintage-Looks.
  Am Ende der einzelnen Kapitel werden schließlich die jeweils passenden Schnittmuster vorgestellt und die Herstellung der Kleidungsstücke ausführlich in Wort und Zeichnung erklärt. Insgesamt bietet das Buch 15 Schnitte, welche auf der beiliegenden CD im PDF-Format enthalten sind und zu Hause ausgedruckt werden müssen. Der in meinen Augen angemessene Umfang verteilt sich auf vier Kleider, eine Bluse, zwei Röcke, eine Hose, zwei Jacken, vier Dessous und ein Accessoire. Da die Autorin selbst Schnittkonstrukteurin ist, liegt die Annahme nah, dass es sich um Schnitte aus ihrer Feder handelt, meiner Einschätzung nach sind es zumindest keine Originale. Ergänzend zu den speziellen Anleitungen findet sich in den Schlusskapiteln „Grundlagen des Nähens“ und „Konstruktion“ universell nötiges Wissen zum Nähen.

Um die Qualitäten der Schnitte und Anleitungen auf Herz und Nieren zu prüfen, habe ich mir ein Projekt herausgepickt: Das Minikleid der 1960er Jahre. Mittlerweile stehe ich kurz vorder Fertigstellung, es fehlen allerdings noch kleine Details (Knöpfe annähen... ^^).
Die Arbeit mit Buch und Schnitt waren ehrlich gesagt eine Berg- und Talfahrt. Direkt die erste Sache hat mich ziemlich irritiert: Der Drucker schluckte 65 Seiten bis er endlich von der Datei abließ! Für ein Minikleid! Außerdem kamen neun Seiten ohne Schnittmusterteil aus dem Drucker und noch einige andere hätte man durch bessere Anordnung der Schnittteile sparen können. Hier besteht Verbesserungsbedarf - der Umwelt zuliebe.

Links: Papiermeer = Schnitt, Rechts: eine hübsche Manschette.
  Aber gut. Der Schnitt selbst hat mich dann wieder etwas versöhnt. Ganz begeistert war ich von der Tatsache, dass das Layout des Schnittbogens freistellt, ob man integrierte Nahtzugaben verwendet oder lieber an der Nahtlinie aufzeichnet. Ebenfalls problemlos lief die Größenauswahl. Es stehen insgesamt vier Größen (S bis XL) zur Auswahl, für jedes Kleidungsstück gibt es sogar eine extra Größentabelle. Ich habe mich für M entschieden, vor allem weil ich einen elastischen Stoff verwende. Leider fehlen den Anleitungen exakte Angaben zur Stoffart und -menge, daher beruht diese Entscheidung auf Schätzwerten (ich vermutete, dass der Schnitt für unelastische Stoffe konzipiert war) - gut, dass ich richtig lag. Hier sollte man ein wenig Erfahrung mitbringen, oder vielleicht ähnliche Schnitte vergleichen, um einen Richtwert zu bekommen. Nachdem diese Hürde genommen war, verlief das Nähen selbst dank der Anleitung und den ergänzenden Zeichnungen schließlich problemlos. Sogar die Manschetten, die ich das erste Mal nach Anleitung nähte, gelangen mir auf Anhieb.

Das Ergebnis am Ende überzeugt mich, und es gibt noch ein, zwei andere Sachen, die mir gefallen könnten. Allerdings könnten die Randinfos zu den Nähinstruktionen etwas durchdachter sein. Daneben ist der Styleguide nett durchzublättern, für tiefgreifende Kenntnisse muss man hier allerdings auf andere Literatur zurückgreifen. Alles in allem lässt mich „Vintage“ daher etwas unschlüssig zurück. Vermutlich ist es das optimale Einstiegsbuch für Vintage-Fans mit Näherfahrung!

Ich bedanke mich beim Stiebner Verlag für die kosten- und bedingungslose Bereitstellung dieses Rezensionsexemplares!
 Weitere Besprechungen zu Büchern kreativer Spielarten findet ihr in meinem offenen Bücherregal!

Kommentare:

  1. WOW! Jetzt weiß ich auch, was du mit Schnittmeer meinst. Das ist ja wirklich heftig ... Aber gut, wenn es immerhin dann zu so schönen Ergebnissen führt, wie du es uns hier schon anteaserst, dann versöhnt das ja wieder etwas ^^

    Ich denke im Übrigen auch, dass es wohl wirklich ein Einsteigerbuch in Sachen Vintage sein wird. Denn alle komplett und tiefgehend in einem Werk abzudecken, das kann (und war hoffentlich auch nicht) der Anspruch gewesen sein...

    Schöne Buchbesprechung :)

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    1. Hier und da hätte man sicherlich noch etwas weiter in die Tiefe gehen können - vielleicht mit weiteren Literaturtipps oder so? Da finde ich das Literaturverzeichnis am Ende auch nicht ganz so befriedigend.
      Anyway. :)

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  2. Klingt eigentlich wirklich ganz gut, aber die 65 Seiten machen mich jetzt völlig fertig. Das würde ich NIE ausdrucken, wenn ich es vorher denn wüsste... also für ein Minikleidschnittmuster. =/

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    1. Ulkigerweise ist das das Kleid mit den meisten Seiten, ich glaube, alle anderen hatten weniger (sogar die Hose? so genau erinnere ich mich nicht mehr)...
      Allerdings ist das bei vielen Download-Schnitten auch der Fall. :/ Ich weiß einfach nicht, warum sparsamer Papierverbrauch dabei schwieriger sein soll. :(

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