Donnerstag, 3. Juli 2014

Ruth Singer - Stoff Manipulation. 150 kreative Nähtechniken

Das ich nicht nur ein Fan von Stoffschnipseln sondern auch von außergewöhnlicher Haptik und Oberflächengestaltung bin, schimmerte an einigen Stellen in diesem Blog bereits durch. Das fängt beim Quilten der fertigen Patchworkarbeiten an (beispielsweise mit der Trapuntotechnik) und reicht über das kunstvolle Stofffalten (wie beim Cathedral Window-Quilten oder diesem gefalteten Kissenversuch) bis zur Kombination verschiedener Stoffqualitäten (vor allem stelle ich gern Kunstleder mit anderen Stoffen zusammen, wie beispielsweise bei der Coffee to go- oder der LondonCalling-Tasche). Stoffe bieten schier unendliche Varianten zum Verarbeiten!
Auch wenn ich also bereits einiges ausprobiert habe – das Repertoire der Museumspädagogin, Künstlerin und Buchautorin Ruth Singer habe ich bei weitem nicht erreicht. Umso besser, dass sie ihre Erfahrungen gesammelt und in „Stoff Manipulation. 150 kreativeNähtechniken“ für uns alle zugänglich gemacht hat!

Das Cover - und meine eigenen Markierungen. ;)
Das so entstandene Sammelwerk lässt sich grob in vier Grundbereiche einteilen: Bevor es an die drei verschiedenen Technikkategorien geht, erhält der Leser allgemeine Erfahrungen und Hinweise der Autorin.
Dabei stellt Singer direkt zu Beginn fest, wie sie ihr Buch verstanden haben will: Es handelt sich um eine Ideensammlung und soll ermutigen, selbst kreativ zu werden. Daher finden sich im Anleitungsteil auch kaum konkrete Projekte. Um den praktischen Umgang mit ihrem Buch etwas zu erleichtern, folgt dieser Ankündigung unmittelbar ein kleiner Design-Guide für die Weiterentwicklung der Techniken oder die Planung von Projekten. Der allgemeine Teil wird durch eine Material- und Werkzeugkunde sowie einen Überblick über ausgewählte Handarbeitsmethoden abgerundet.
Da die vorgestellten Manipulationen unterschiedlichste Anforderungen an das Material verwenden, ist dabei besonders die kleine Stoffkunde wertvoll. Leider findet sich hier in meinen Augen eine kleine Schwäche: Hinderlich ist, dass die Abbildungen den Stoffen oftmals nicht gerecht werden können und die zugehörigen Bezeichnungen nicht genau zuzuordnen sind. Vermutlich wären Einzelfotos hier praktischer gewesen. Außerdem sind einige der Lieblingsmaterialien der Autorin echte Raritäten. Beispielsweise lassen sich Seidenbänder aus den 30er Jahren oder Originalstoffe der 40er und 50er für den durchschnittlichen Verbraucher nur schwer auftreiben. Auch wenn diese sicherlich bei der Verarbeitung besonders tolle Ergebnisse ermöglichen, erschwert es die Umsetzung. Allerdings lässt sich jede Technik auch mit anderen Stoffen verwirklichen.

Ein Beispiel für die Darstellung der unterschiedlichen Stoffe.
Wer sich also von der Einführung nicht verunsichern lässt, kann sich nun dem Herzstück widmen: den Anleitungen. Unterteilt in „Falten & Biesen“, „Kräuselungen & Raffungen“ sowie „Dreidimensionale Effekte“ führt die Autorin durch die Möglichkeiten, Stoffen ein anderes Gesicht zu verleihen.
Dabei sind in der Regel einfache Grundtechniken die Basis der komplizierteren und effektvollen Variationen. Einführend werden beispielsweise Messerfalten oder einfache Rüschenvariationen erklärt. Dabei gibt die Autorin wertvolle Tipps, die das Arbeiten mit den Stoffen erleichtern. Aus den Basisanleitungen entwickelt Singer dann zum Beispiel dekorative Faltenstreifen oder zeigt unterschiedliche Arten zu Smoken. Damit es nicht zu unnötigen Doppelungen kommt, wird in der Regel auf die Grundtechnik verwiesen. Schritt für Schritt entstehen so besondere Effekte aus Stoff – und „ganz nebenbei“ lernt der Leser, Grundtechniken auf unterschiedliche Weise abzuwandeln.
Einzig der dritte Teil macht da eine kleine Ausnahme: Hier findet sich eine kleine Sammlung sehr unterschiedlicher Techniken. Im Kern geht es dabei um das Aufschneiden, Aufpolstern und Applizieren.
Um nicht nur bei „trockener Theorie“ zu bleiben und das Anleitungspotpourri etwas aufzulockern, werden in allen drei Bereichen je drei Projekte vorgeschlagen: Eine Halskette mit Kellerfalten, eine Blütenbrosche, ein Wandpaneel aus „Flugzeugen“, ein Rüschenschal, ein Lampenschirm aus Rosetten, ein Kissen mit Pompoms, ein Cape mit Bogenkante oder ein Schal mit unregelmäßiger Bogenkante können nachgearbeitet werden. Auch wenn die Nähstücke nicht alle meinen Geschmack treffen, ist die Auswahl gelungen.

Auch bei den Anleitungen wird dem Leser Vielfalt geboten: Sowohl Text als auch Zeichnungen sowie Fotos illustrieren die einzelnen Techniken. Schon beim ersten Durchblättern fällt die ausgewogene Gestaltung positiv auf – die drei Medien ergänzen sich offensichtlich sehr gut. Dennoch hatte ich beim ersten Nacharbeiten nicht nur Knoten im Stoff sondern auch im Kopf: Das Titelmodel, ein gefaltetes Band, dessen Technik im Buch als „ganzer Stern“ bezeichnet wird, hat mich direkt begeistert. Während die Grundlagen mir noch leicht von der Hand gingen, hatte ich besonders bei den letzten zwei Schritten größere Probleme. Im Gegensatz zu verhältnismäßig einfachen Kellerfalten wäre hier Origami-Erfahrung hilfreich gewesen. Nach einigem Probieren hat sich das allerdings gelöst, sodass ich am Ende ein tolles Stück Sternenband gefaltet hatte.

Links - eine Anleitungsseite im Überblick. Rechts - in drei Schritten zum "ganzen Stern"
Dem Wunsch der Autorin zu Beginn entsprechend, hat mich schon das erste Projekt in seinen Bann gezogen. Ich überlege bereits, ob sich diese Technik zum Beispiel großformatig als Tischläufer realisieren lässt. Oder welche anderen Faltkunstwerke aus dem japanischen Origami sich ebenfalls in Stoff umsetzen ließen (vielleicht eine aus Stoff gefaltete Fledermaus?).
Was früher im Matheunterricht die Formelsammlung war, ist für Schneiderleine heute dieses Buch. Natürlich kann es passieren, dass einige Bereiche bereits bekannt sind oder andere Teile ausführlicher dargestellt werden könnten. Aber sowohl Novizen als auch erfahrene Näher werden hier sicherlich einiges an Inspiration mit Umsetzungshilfe finden können. Daher: Uneingeschränkte Kaufempfehlung!

Ich bedanke mich beim Stiebner Verlag für die kosten- und bedingungslose Bereitstellung dieses Rezensionsexemplares!
 Weitere Besprechungen zu Büchern kreativer Spielarten findet ihr in meinem offenen Bücherregal!

Kommentare:

  1. Schöööne Rezi ;)
    Ich bin schon gespannt, dieses Werk (und vllt. auch das andere) mal durchzublättern, es klingt auf jeden fall inspirierend :D
    UND
    Ich bin schon gespannt, wann wir dann die ersten Manipulationen in einem richtigen Nähwerk von dir bewundern können *hihi ^^

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    1. Klar, liegt alles hier zur Einsicht bereit. ^^

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  2. Hmm, als ich die Vorschau des Beitrags gesehen habe, hab ich mir sowas schon fast gedacht. Ich finds immer schade, wenn private Hobby-Blogs, die ja aus gutem Grund erfolgreich geworden sind, irgendwann zur Werbeplattform werden. :/ Vielleicht mal als Info für die Verlagsleute, die eventuell mitlesen: so ein Vorgehen macht Verlag + Buch nicht gerade sympathischer.
    Nix für ungut, Goldkind. Ich werd ja trotzdem weiter mitlesen hier. ;) Will dir die Freude an dem geschenkten Buch auch nicht nehmen, mag ja gut sein. Irgendwie musste das nur grad raus. ^^

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    1. Das du aus den zwei Rezensionen irgendeinen kommerziellen Zweck ableitest und meine Meinung infrage stellt, finde ich schade. Mich sprechen konsumorientierte Blogs ebenfalls nicht an, daher möchte ich sowas auch hier nicht darstellen.

      Aber: Ich habe mir diese Bücher gesucht, ich habe den Verlag um Rezensionsexemplare gebeten (und war sehr froh diese auch bekommen zu haben, wenn das nicht der Fall gewesen wäre, hätte ich die Bücher auf anderem Weg angeschafft) und ich habe hier meine persönliche Meinung zu den vorgestellten Werken kundgetan - aus der Überzeugung heraus, dass auch andere diese nützlich finden könnten.

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