Dienstag, 2. September 2014

Koko Yamase - Cut-up-Couture

Irgendjemand hier, der noch nie ein Bandshirt umgenäht hat? Oder der Fan von Natrons Hemdmutanten ist? Stencil-auf-Shirts-Drucker?
Verschönern und Verändern von vorhandenen Kleidungsstücken hat Konjunktur: Der Hype erklärt sich schon daher, dass solche Ready-Mades oftmals keine komplexen Nähskills erfordern oder gar ganz ohne neue Nähte auskommen, zudem schont das re- oder upcyceln Ressourcen – und „grün denken“ ist in! Außerdem kann man mit den verschiedensten Techniken kurzerhand seinen Klamotten den ganz eigenen Stempel aufdrücken. 
Auch das Titelmodell kann nachgenäht werden!
Falls eine der anwesenden Damen zur Abwechslung nicht nur im eigenen Kleiderschrank „wildern“ möchte, sollte sie sich einmal „Cut-up-Couture. Auftrennen – schneiden – neu designen: Trendige Damenkleidung aus Männersachen“ von Koko Yamase zu Gemüte führen.
Die japanische Modedesignerin hat sich reichlich an Sweat- und T-Shirts, Hemden sowie Krawatten und Schals bedient und verwandelt diese Rohmaterialien in wenigen Handgriffen zu extravaganten Neukreationen. Was nach dem Zerschneiden und wieder Zusammenfügen als „Frankensteins Outfit“ überbleibt, ist in der Regel ebenfalls Oberbekleidung. Über die Hälfte der 34 vorgestellten Projekte sind Blusen, Tuniken, Shirts oder Tops. Dazu gesellen sich nochmal einige Jacken, Capes, Ponchos und Westen. Der kleinste Anteil kommt Kleidern und Röcken zu, als einziges Accessoire findet sich eine Tasche aus Hemdkragen. Damit ist die Modellauswahl zugegeben etwas unausgewogen, auch die Multifunktionalität einiger Modelle – beispielsweise kann eines sowohl als Shirt als auch als Rock getragen werden – tröstet nur wenig darüber hinweg.
Gerade Accessoires hätten die Auswahl unkompliziert abrunden können. Die kleinen Projekte hätten zudem die größeren Reste anderer Anleitungen nutzen können. Zwar zeigt Yamase einige Modelle, bei denen auch das letzte Stückchen Stoff verbraucht wird, aber gerade bei voluminösen Projekten bleiben bisweilen einige Reste über. Ergänzend wäre es für den „Viel-Cutter“ eine sehr nette Idee gewesen, wenn es einen kleinen Überblick gegeben hätte, wofür man die Reste eines Kleidungsstückes noch verarbeiten könnte. Quasi: 10 Hemden werden zu 3 vollständigen Outfits. Damit hätte man den Gedanken der Nachhaltigkeit auch noch etwas stärken können. Aber das sind alles nur Extrawünsche, deren Fehlen den Wert dieser Sammlung nicht schmälern.
Da mir der schonende Umgang mit Ressourcen sehr wichtig und mir bisher keine geeigneten Ausgangsmaterialien über den Weg gelaufen sind, habe ich im Übrigen noch keines der Modelle nachgearbeitet. Cut-up-Couture verlangt in dieser Hinsicht einfach etwas mehr Ausdauer und Sammelleidenschaft, bis man die passenden „Fetzen“ gefunden hat.
Oben: Bluse oder Tunika aus Sweatshirts, Unten: Kleid aus Herrenhemden.
Der entscheidende Knackpunkt liegt bei dieser Projektsammlung aber nicht bei der Modell- oder Materialauswahl sondern ganz eindeutig beim Inspirationspotential. Wer einmal die Scheu überwunden hat, ein vorhandenes Kleidungsstück zu zerschneiden, kann ganz neue kreative Wege im Umgang mit Textilien entdecken. Anschaulich zeigt die Autorin immer wieder, wie schon die kleinsten Handgriffe einen großen Effekt auf Stofffall oder Passform haben können. Die experimentellen Kleidungsstücke basieren oft auf Drapierungen und Raffungen, ein Prinzip, dass sich auch auf andere Modifikationen übertragen lässt.
Ein besonderes Lob verdienen dabei die Anleitungen: Diese regen einmal die Kreativität an, für das exakte Nacharbeiten liefern sie aber genauso alle wesentlichen Informationen. Eine kleine Skizze, ein kurzer Überblick über das benötigte Material und schon gehts los. In knappem Text und informativer Zeichnung erfährt der Leser die wesentlichen Schnitte und Schritte. Auf Schnittmuster oder ähnliches wurde an dieser Stelle verzichtet, denn einmal geben die vorhandenen Kleidungsstücke die Schnitte vor und darüber hinaus kann durch die Auswahl der Rohmaterialien auch die Größe des Ergebnisses ganz flexibel bestimmt werden. Die so gestalteten Anleitungen passen, bis auf wenige Ausnahmen, alle auf eine Seite – wirklich erstaunlich, wenn man bedenkt, dass man mit wenigen Handgriffen einen Rock, ein Kleid oder ein Oberteil zaubern kann.
Kurz und knackige Anleitungen mit aussagekräftigen Zeichnungen.
 Die kurzen aber verständlichen Anleitungen dürften besonders auch Anfänger ermutigen, selbst zu Nadel, Faden und natürlich Schere zu greifen. Für diese abgefahrenen Nähwerke sind keine besonderen Kenntnisse erforderlich (einführende Technikerklärungen wären daher überflüssig) und die Materialien hat man auch schnell zur Hand. Damit handelt es sich um ein perfektes Einsteigerbuch für Nähnovizen und einen kleinen Experimentierkasten für „alte Hasen“, die einfach mal was Extravagantes machen wollen. Dabei liegt die Betonung wirklich auf „ausgefallen“: Die in diesem schmalen Büchlein gekonnt in Szene gesetzten Kleidungsstücke passen auf Berliner Straßen, in den Kleiderschrank einer Kunstlehrerin und ebenso gut auf einen Laufsteg. Zugegeben, ein wenig Mut muss man vermutlich nicht nur dafür aufbringen, das Ausgangskleidungsstück zu zerschneiden, sondern auch dafür, das Couture-Stück am Ende zu tragen.

Ich bedanke mich beim Stiebner Verlag für die kosten- und bedingungslose Bereitstellung dieses Rezensionsexemplares!
 Weitere Besprechungen zu Büchern kreativer Spielarten findet ihr in meinem offenen Bücherregal!

Kommentare:

  1. Ich habe es ja schon bei dir einmal durchblättern können und war ja zunächst ziemlich irritiert. Nun habe ich ja aber etwas darüber nachdenken und auch deine Rezi dazu lesen können und bin insgesamt doch wieder versöhnt mit dem Buch. Man muss eben wissen, dass hier "Couture" wirklich Programm ist, wie du schon sagst. :)

    Wenn du dann mal den geeigneten "Fetzen" gesammelt hast, bin ich schon sehr gespannt, welches Kunstwerk du erschaffen wirst :) Anregungen gibt es ja tatsächlich genug darin ^^

    AntwortenLöschen
  2. Hmhm. An sich gefällt mir das, aber ich fürchte auch, dass solche Klamotten im Alltag (oder zumindest in meinem Alltag) designmäßig ein bisschen überqualifiziert daherkommen.

    AntwortenLöschen
  3. kuck mal "Aus alt mach neu - Mode". Hab ich in unserer Bücherei gefunden und seit dem will ich ein Etuikleid aus einer Herrenhose haben. Bund als Saum. Könnte tragbar sein.

    AntwortenLöschen