Dienstag, 13. Januar 2015

Theoretische Grundlagen des BH-Nähens

Der BH-Sewalong, an dessen Ende ein einfacher aber bequemer Watson-BH entstanden sein soll, hat nun auch bei Cloth Habit offiziell begonnen. Der Ablaufplan zeigt, das es auch dort zunächst etwas theoretisch wird, bevor mit der eigentlichen Näharbeit begonnen wird. 
Da ich selbst ein totaler Anfänger bin und erstmal einen Überblick brauchte, habe ich euch mal eine kleine theoretische Handreichung zusammengestellt, die euch hoffentlich die ersten Schritte erleichtet!

Verlinkt beim Creadienstag!

Die richtige Größe

Bevor ich mich dem Selbstmach-Aspekt dieser Einführung widme, habe ich noch eine andere kleine Sache, die ich gern ansprechen würde: BH-Größen
Wenn ich nicht selbst irgendwann ziemlich verzweifelt gewesen wäre beim Unterwäschekauf, hätte mich das Thema vermutlich eher kalt gelassen. Allerdings schien es mir vor einigen Jahren unmöglich zu sein, einen BH zu finden, der nicht absolute Rückenschmerzen verursacht (vom Aspekt der Bezahlbarkeit rede ich lieber mal gar nicht). Also habe ich mich dann doch mal ein bisschen eingelesen und nach kurzer Zeit feststellen können: Meine Größe war falsch.
Gute Indizien für nicht passende BHs sind: Rückenschmerzen, ein abstehendes Mittelstück (=Steg), herausrutschende Brüste ("Brötchen") oder das Hochrutschen des Unterbrustbandes am Rücken.
Falls ihr das bei euch beobachten könnt, empfehle ich einen Besuch bei den Busenfreundinnen, einem Forum mit zugehörigem Wiki, das euch ganz viele Informationen rund um dieses Thema bereitstellt.
Eine kleine Auswahl zum Leseeinstieg:
Übrigens habe ich mich nach meiner ersten Recherche in einem brittischen Wäschegeschäft (genauer gesagt: eine Bravissimo-Filiale in London) fitten lassen. Die dort bestimmte Größe liegt bei 30H-30HH (je nach Modell). Rechnet man die brittische Größe nach dieser Tabelle um, erhält man die in Deutschland absurde Größe 35M-N. Wir wollen jetzt aber nicht in Buchstabenphobie verfallen! ;)

Die richtige Größe für den Watson-BH

Gehen wir vom Idealfall aus: Ihr kennt wie ich eure optimale BH-Größe. Nun müsst ihr allerdings bedenken, dass die Größen in der Watson-Anleitung nach dem amerikanischen System bestimmt werden!
Ihr solltet also eure deutsche oder brittische Größe nicht einfach übertragen, sondern den Hinweisen im Booklet (oder später im Sewalong) folgen. Allerdings habe ich auch schon gelesen, das einige Damen Probleme bei der von Amy erklärten Größenbestimmung hatten. Insbesondere das Unterbrustband könnte so zu groß werden. Da es aber sowieso ratsam ist, zunächst ein Probeteil zu nähen, könnt ihr aber genauso gut erstmal nach der Methode vorgehen. 
Ich bin mal gespannt, wie gut mir die amerikanische 30H passen wird... ich vermute, dass es da einige Probleme geben könnte. Mal sehen!

Das richtige Material

Amy selbst gibt nicht nur in ihrem Blog schon ein paar Hinweise, welche Materialen gut für den Watson geeignet sind, auch in der Nähanleitung ist ziemlich genau aufgelistet, was man alles im Hause haben sollte. Worte schön und gut - ich selbst hatte aber von vielen Stoffarten zuvor noch gar nichts gehört! 
Was sind also tricot lining, Powernet, Charmeuse und co.?


  • Außenstoff: Gerade beim Watson könnt ihr hier alles verwenden, das elastisch ist. Von Jersey, über Lycra bis hin zu Spitze ist alles möglich. 
  • Powernet (vgl. Bild 1 und 4): Die Geheimwaffe beim Unterwäsche-Nähen. Es handelt sich um den elastischen Stoff, der am häufigsten für die Rückenseite des Unterbrustbandes verwendet wird. Kennzeichnend ist die wabenartige Struktur und der Stretchanteil, der im Gegensatz zu anderen elastischen Stoffen sehr viel mehr Halt bietet. Das merkt man spätestens, sobald man Powernet selbst in der Hand hat: Beim Ziehen fühlt es sich sehr fest an und der Stoff springt gut in seine Ausgangsform zurück. Allerdings gibt es in der Festigkeit Unterschiede, hier muss man leider ein bisschen Glück haben beim Bestellen, da genaue Angaben meist fehlen. Stoff 1 und 4 beispielsweise habe ich als Spitze bestellt, es handelt sich aber eigentlich um besticktes Powernet. 
  • Charmeuse (vgl. Bild 2): ist ein Stoff, der sowohl zum Füttern als auch als Dekorationselement eingesetzt werden kann. Charakteristisch ist die Satinbindung als Webart, dadurch wird das eigentlich unelastische Material leicht elastisch. Als alleiniges Futter des vorderen Unterbrustbandes daher zu schwach.
  • Wirkfutter (tricot lining, vgl. Bild 3): Zartes, unelastisches Futter, das sowohl auf der Haut getragen, als auch als Zwischenfutter verwendet werden kann. Als Alternative nennt Amy von Cloth Habit Vlies zum Aufbügeln. Das ist nach den Erfahrungen meiner Expertin nicht besonders gut geeignet, da die Haltbarkeit ziemlich begrenzt ist. Dieses Futter ist auch für den Steg geeignet, da es sehr stabil ist.
  • Miederstoff (vgl. Bild 5): Als Alternative zum Powernet kann man auch Miederstoff versuchen. Miederstoffe sind allerdings sehr viel dicker als Powernet und besitzen zwar ähnliche Stretcheigenschaften, je nach Qualität kann aber der Miederstoff schneller ermüden.
Entscheidend für die richtige Zuordnung der Stoffe zu den Schnittteilen ist im Allgemeinen ihre Elastizität: Bei der BH-Herstellung gibt es Bestandteile, die zwingend elastisch sein sollten und andere, die unbedingt nicht dehnbar sein dürfen. Wenn ihr euch den Aufbau eines BHs vorstellt (hier eine Gedankenstütze) sind die Körbchen und der Steg (das Mittelstück oder das gesamte vordere Teil des Unterbrustbandes) meistens unelastisch, hingegen muss der hintere Teil des Unterbrustbandes elastisch sein.

Daneben gibt es noch ein paar Bestandteile, auf die man nicht verzichten kann:
  • Gummis (Bild 6): Im Gegensatz zu normalem Wäschegummi (als Referenz das graue Paspelgummi auf dem Bild ganz rechts) sollten BH-Gummis eine höhere Zugkraft aufweisen. Ideal sind insgesamt drei verschiedene Gummis - Trägergummi, breites Unterbrustgummi und schmales Unterbrustgummi. Unterbrustgummis haben mindestens eine angeraute Seite, die den Tragekomfort erhöhen.
  • BH-Verschluss und Ringe+Schieber (Bild 7): Während ich BH-Verschlüsse immer fertig kaufen würde, habe ich mich wegen der Trägeranordnung beim Watson fürs Selbstbasteln der Träger entschieden. Man könnte diese auch fertig Kaufen, nötig ist das allerdings nicht. Achtet darauf, das Trägergummi und Ringe/Schieber zusammenpassen!
  • Bauschgarn (Bild 8): Bauschgarn hat beim Unterwäschenähen zwei Vorteile: Einmal ist es in sich etwas elastisch, was den Tragekomfort erhöht. Außerdem werden die Nähte damit weicher.
  • optional: Tunnelband und BH-Bügel (nicht für den Watson-BH)
Ihr seht: Man braucht schon ein paar besondere Materialien für einen BH. Ich habe alles bei Wien2002 bestellt und ca. 35€ bezahlt. Dafür reicht das Material aber auch eine Weile, für Wäsche benötigt man ja eher kleine Mengen.

Die richtige Technik

Das genaue Vorgehen wird ja noch beschrieben - mal ganz davon abgesehen, das die Anleitung zum Schnitt selbst auch schon sehr ausführlich ist, daher nur noch ein paar kleine Hinweise zum Schluss.
Zum Nähen selbst reicht eine normale Haushaltsnähmaschine aus, eine Overlock ist nicht nötig und zum Teil sogar eher hinderlich! Benutzt werden Gerad- und Zickzackstiche, ein dreifacher Zickzack könnte zudem nützlich sein. Wert legen solltet ihr aber auf passende Nadeln, also Microfaser- oder Stretchnadeln, je nach Stoffwahl.

Im Schnittmuster Watson selbst ist bereits die Nahtzugabe von 6mm enthalten. Hier bietet es sich an, den Abstand mit Klebestreifen oder Washi an der Nähmaschine zu markieren. Schließlich empfiehlt Amy in ihrem Blog, beim Nähen keine Stecknadeln zu verwenden, außer um z.B. den Brustpunkt am Körbchen zusammenzustecken.
Ich habe ja schon ein bisschen herumprobiert und fand beides erstmal ungewohnt. Allerdings ist gerade der zweite Tipp wirklich praktisch: Die bisweilen sehr glatten Stoffe lassen sich auch beim Nähen gut führen und würden mit Nadeln vermutlich auch nicht gut an Ort und Stelle gehalten werden. An ganz kniffeligen Stellen wäre sonst Heften die Technik meiner Wahl.

Soweit zur Theorie

Puh, das war jetzt erstmal ganz schön viel Info! Ich hoffe, ich habe erstmal nichts wesentliches vergessen - ansonsten fragt mich einfach oder tretet der offiziellen Watson Sewalong-Facebook-Gruppe bei. 
Ansonsten geht es demnächst mit den ersten praktischen Erfahrungen weiter (und vielleicht fällt mir dann auch ein guter Sherlock-Bezug zu diesem Projekt ein). ;) 

Kommentare:

  1. Wow, ich bin maßlos überwältigt. So vieles zu beachten, so viele unterschiedliche Materialien - darüber macht man sich sonst ja niiiie Gedanken. Du fischst einen aus der Unterwäsche-Schublade und jut.
    Es ist wirklich spannend für mich - auch wenn ich kein Teilnehmer des Sew-Alongs bin - hier mitzulesen. Eine richtige Horizonterweiterung sozusagen :D
    Vielen Dank für die ganzen Infos - die wie ich finde sehr schön aufgeführt worden sind, so dass sogar ich Näh-Noob es nachvollziehen konnte ;)

    Auf den nächsten Projekt-Teil bin ich schon ganz gespannt und wünsche dir viel Erfolg, mein Liebes :*

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    1. Nachdem ich mich übrigens ein bisschen über die einzelnen Materialien und den Nähprozess im allgemeinen informiert habe, habe ich noch mal meine gekaufte Unterwäsche zur Hand genommen und die einzelnen Bestandteile wiederentdeckt - total spannend! :D

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  2. Sehr cool, ich freue mich jetzt schon auf die nächsten Posts.
    Ich habe mich vor Jahren mal an einem BH versucht, aber ohne Ahnung und ich würde wirklich gerne mich mal an Unterwäsche versuchen und deine Infos sind wirklich toll und sehr ausführlich (quasi Gold wert ;) )

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    1. Tatsächlich habe ich vor Jahren auch schon mal einen BH-Bikini-irgendwas-Versuch gestartet und bin grandios gescheitert. Man braucht schon ein bisschen Spezialwissen - aber dann ist es eigentlich gar nicht so schwer.
      Ich kann mich gar nicht satt sehen an den ganzen tollen DIY-Modellen, die ich schon gefunden habe!

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  3. Das klingt echt wahnsinnig spannend, ich hab früher beim Italienaustausch mal BHs dort gekauft und war von den Größen (simpel I bis V) fasziniert ... da wurden einfach fünf Größen angeboten und wenn gar nichts passte, hatte man halt Pech.
    Ich bin wirklich gespannt, wie's weitergeht, denn auch wenn ich ja gar nicht nähen kann, schau ich mir deine Fortschritte so gern an :)

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    1. Woa, fünf Größen? Das ist ja wirklich noch schlimmer als hierzulande! o.o

      Schön, das du trotzdem so mitfieberst! :D

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    2. Huch, habs gar nicht mehr gesehen ;)
      Eventuell hab ich das System auch einfach nicht verstanden - vielleicht gibt es da noch speziellere Läden ... aber so richtig gewinnbringend war das nicht ...

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  4. Hallo, ich bin relativ neu hier, aber ich melde mich mal zu Wort, weil ich das so spannend finde. Ich habe nämlich auch mal drüber nachgedacht einen BH zu nähen, mich aber noch nicht rangetraut. Also danke schonmal für die ganzen Infos, das BH-Wiki kannte ich noch nicht :)

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    1. Hallöchen! :D
      Neu-sein ist kein Grund zum still sein, im Gegenteil!
      Wenn du einen guten Einstieg ins BH-Nähen haben möchtest, wäre der Watson Sewalong sicherlich auch für dich eine gute Sache - man kann die Schritte ja auch zeitverzögert nacharbeiten! :)

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    2. Na dann :)
      Ich werd's auf jeden Fall verfolgen und mich weiter einlesen. Der BH-Schnitt ist leider nicht so meins, aber ich kann bestimmt trotzdem was lernen ;)

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    3. Ich hoffe ja, das man aus dem Watson später noch niedliche Nachtwäsche oder so machen kann. :D
      Mal schauen! :3

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  5. Danke für die vielen Tipps und Links, da werde ich mich mal in Ruhe durcharbeiten und vielleicht nähe ich mir dann auch irgendwann einen BH ;) Auf den Sherlock-Bezug freue ich mich ja gerade schon *g*

    Liebe Grüße, Jessica

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    1. Leider war ich bisher mit Sherlock-Wortspielen noch nicht so kreativ... vielleicht fällt mir beim nächsten Mal noch was ein? ^^
      Aber mit dem BH-Nähen fluppt es besser, darauf kommts ja an, ne? ^^

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  6. Wow, das war jetzt wirklich ne ganze Menge Input. ^^°
    Ich werde mich wahrscheinlich nie an einen BH wagen - aber ich bin trotzdem gespannt, wie es bei dir laufen wird.
    Außerdem bin ich dankbar, dass ich - was BHs angeht - nicht solche Probleme habe, wie du. Bei C&A werde ich eigentlich immer fündig, auch wenn ich selbst bei denen manchmal schreien könnte, weil da D auch nicht immer gleich D ist... >_>

    Sherlock-Bezug? Da bin ich jetzt aber gespannt. ^^

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    1. Oh man, das glaube ich dir! Allein was man schon über BH-Größen, -Formen, -Marken ... und so weiter.

      Größenunterschiede bei der gleichen Größe und einem Hersteller finde ich übrigens auch schrecklich! Meinen Lieblings-BH habe ich vor einiger Zeit nachbestellen wollen und plötzlich ist der ganz anders... viel elastischer und die Passform ist auch anders. Ätzend!

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