Donnerstag, 23. April 2015

Das Gegenteil von einfach?

Nachdem ihr nun in Sachen Festivitäten im Hause Goldkind wieder auf dem neusten Stand seit, lasse ich meine älteren Kamellen mal weiter alt sein und widme mich erst mal wieder dem Thema Dachkragen-Jacke

Beim letzten Zwischenbericht (aaah, von Anfang April? Ehrlich?) habe ich gejammert, dass beim Probeteil der Jacke echt noch gar nichts passt. Klar war also, das es dem ersten Probeteil noch weitere folgen müssen. Da ich nicht blind drauf los ändern wollte, habe ich mir zwei große Helfer ins Boot geholt, einmal eine liebe und änderungserfahrene Freundin und dazu:

Sarah Veblen - Der große Fotoguide für die Perfekte Passform


Das im Stiebner-Verlag erschienene Buch stand schon länger auf meiner Must-Have-Liste. Mehrfach hatte ich es im Buchladen in der Hand, auch besagte Freundin hat mir die Lektüre ans Herz gelegt. Über 200 Seiten und mehr als 650 Abbildungen sollen den Weg zu maßgeschneiderter Kleidung ermöglichen. Für Blusen, Röcken, Blazer, Tuniken und Hosen verspricht das Buch patente Hilfestellungen. 

Die Autorin, Sarah Veblen, ist selbst Änderungsschneiderin und auf innovative Schnittkonstruktion und die Entwicklung hochwertiger Kleidung spezialisiert. Außerdem unterrichtet sie, hat veröffentlicht und reist als Gastdozentin den den USA umher.
Klingt vielversprechend, oder?


Das Cover zeigt schon die wesentlichen Schwerpunkte des Buches: Das Anpassen eines Papier-Schnittmusters und die Arbeit am Probeteil zur Beseitigung von Passformproblemen.
Schon hier zeigt sich eine Stärke des Buches - die zahlreichen Abbildungen. Zwar hätte für meinen Geschmack in manchen Fällen ein anderer Bildausschnittnoch mehr zum Verständnis beigetragen, im Ergebnis sind die vorhandenen Abbildungen aber sehr lehrreich. Schon beim Durchblättern habe ich viele Passformprobleme entdeckt, die ich selbst schon an meinen Klamotten - genäht oder gekauft - beobachten konnte! Ein toller Lehreffekt!

Sympatisch finde ich außerdem, das die Passformprobleme an echten Menschen gezeigt werden und nicht an super schmalen Idealfrauen. Meine Befürchtung, das ich von Passformproblemen an anderen Körperformen nicht viel lernen könnte, hat sich dabei übrigens nicht bewahrheitet!
Es zeigt sich ganz schnell, dass die Lösungen auf ähnlichen Schemata beruhen - außerdem will man als Nähtante ja vielleicht auch mal für andere Nähen. ;)

Ebenfalls nicht abschrecken lassen sollte man sich von der Auswahl der gezeigten Schnitte (von denen übrigens keine im Buch enthalten sind!): Zwar wirkt hier vieles auf den ersten Blick langweilig bis bieder, aber von der soliden Basis lassen sich dann - allerdings ohne die Hilfestellung der Autorin - eigene Ideen verwirklichen. Leere Leinwand für eigene Ideen quasi!


Wie genau muss man sich die Schnittänderung nun vorstellen?
Ausgangspunkt ist immer ein Kaufschnitt. Wie gesagt, verwendet die erfahrene Änderungsschneiderin immer mehr oder weniger schmucklose Grundschnitte.

Vorbereitung ist das A. und O.

Bevor sich die Autorin jedoch dem eigentlichen Anpassen widmet, stellt sie einen ausführlichen Grundlagenteil voran. Hier erklärt sie die Grundlage für gut sitzende Kleidung: die individuelle Körperform und die Schulung des Auges dafür. Zudem gibt es ein paar Hinweise zur Schnittmusterauswahl.

Leider fehlten mir hier Kriterien, nach denen ich mit einer großen Oberweite einen Schnitt auswählen müsste. Das ist natürlich ein besonderes Problem, aber hier habe ich dann (wie ich schon mal kurz erklärt habe) improvisiert.

Das Anpassen eines Papierschnittes

Bevor es an den Stoff geht, erklärt Veblen, wie Schnittänderungen an einem Probeteil in einen Papierschnitt zu übernehmen sind - es findet also keine "Vorabkorrektur" eines Schnittes statt! Unter den Punkten
  1. "Schnittmustererstellung und Anpassung" 
  2. "Rahmenkonzept für die Anpassung" 
  3. "Grundlagen der Schnittmusteränderung
wird das Vorgehen genau erläutert. Im Vergleich zu anderen Anpassungsbüchern liegt hier eine echte Stärke - dieser Teil kommt ansonsten manchmal ein wenig zu kurz.
Zugegeben, das ist nach der Änderung des Probeteils eigentlich der zweite Schritt, aber hier lässt sich schon viel wertvolles mitnehmen.

Das Probeteil oder Nesselmodell

Schließlich geht es dann endlich ans Nähen! Nach der Einführung "Grundlagen der Anpassung eines Nesselmodells" fordert die Autorin uns dann auf: "Entwickeln Sie Ihre Fähigkeiten"! In den Schritten
  1.  "Der Arbeitsprozess beim Anpassen eines Kleidungsstücks" (aufgeteilt nach Kleidungsstücken, wobei 1x Änderungen an einem  Rock und 5x an Oberbekleidung vorgestellt werden)
  2. "Passformlösungen für verschiedene Figurtypen mit den jeweiligen Änderungen am Schnittmuster" (aufgeteilt nach Körperregionen, aber mit starkem Fokus auf Anpassung an verschiedene Oberkörperformen)
  3. "Das Anpassen von Hosen" (dafür bleiben rund 20 Seiten ... hier wird also kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben.)
Eine erstaunliche Bandbreite an individuellen Problemzönchen stellt Veblen dabei in diesen Punkten vor. Allerdings merkt man hier, dass ihr Augenmerk besonders auf Oberbekleidung liegt.

"Der nächste Schritt" ?

Mit diesem ganzen Haufen Infos, die man erstmal verdauen muss,  lässt es Veblen aber nicht auf sich beruhen. Um den technischen Rundumschlag zu beenden, widmet sie sich unter den Punkten
  1. Korrektur von Schnittmusterelementen, die von Passformänderungen betroffen sind (Krägen, Futter)
  2. Werden Sie kreativ (bsp. Äquivalente für Schnittmuster)
 noch einigen Sonderproblemen. Das diese besonders wichtig sind, habe ich nach dem ersten Probeteil der Dachkragen-Jacke schon bemerkt: Nachdem wir fast alles geändert haben, hätte der tolle Kragen natürlich nicht mehr daran gepasst.
Leider darf man an dieser Stelle nicht viel erwarten, dafür reichten die verbleibenden 10 Seiten einfach nicht aus.



Wow, das war jetzt fast genauso viel Input wie in dem Buch, stimmts? Ich stelle euch abschließend noch ein paar Vorzüge und Nachteile zusammen:

Yeah!
- Grundlagen bei Papierschnittänderung im Detail erklärt
- Schwerpunkt Anpassung von Oberteilen ausführlich und gut verständlich beschrieben
- viele Bezüge sorgen für einen großen Lerneffekt
- aussagekräftige Fotos unterstützt durch Schritt-für-Schritt-Anleitungen
- bietet Lösungen für (fast) jedes Passformproblem am Oberkörper
Na ja...
- kein klassisches Nachschlagewerk (sollte zumindest einmal grob durchgearbeitet werden)
- Im Bereich Hosen, Krägen oder Ärmel eher skizzenhaft
- Ringbindung durch festen Einband überflüssig
- Layout nicht immer optimal
- Übersetzung wirkt manchmal holprig (Beispiel? "Jeder Mensch ist einzig")
Ich kann euch jetzt schon verraten, das ich ohne das Buch die Dachkragen-Jacke wohl nach dem ersten Probeteil in die Tonne getreten hätte. Die Anpassungen, die ich euch nächste Woche zeigen werde, sind alle toll von Veblen erklärt worden. Vermutlich wäre die Anpassung aber auch nicht so gut verlaufen, wenn ich meine liebe Freundin nicht dabei gehabt hätte, allein ist das Anpassen nach dem Fotoguide zwar möglich, aber anstrengend!

Wenn ihr also nach fertigen Schnitten näht und damit zwangsläufig auch mit Passformproblemen konfrontiert seid, solltet ihr hier - unabhängig von eurer Näherfahrung - zuschlagen. Die Voraussetzungen für die erfolgreiche Anpassung zeigt euch Sarah Veblen, ihr müsst nur ein bisschen Geduld mitbringen. ;)



So. Jetzt stelle ich das Büchlein natürlich noch in mein offenes Bücherregal. Übrigens sehr passend, das heute ja auch der Welttag des Buches ist! Haltet die Augen offen, auf vielen Blogs gibt es heute tolle Bücher zu gewinnen. Mit Begeisterung habe ich heute meine Stimme schon in den Lostopf von Lotta geschmissen, die ein Kreativbuch verlost. Vielleicht habt ihr ja auch Glück? :D

Und schließlich möchte ich mich noch beim Stiebner-Verlag für die kosten- und bedingungslose Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars bedanken! Und nun: 

Fröhliches Lesen!


Kommentare:

  1. Ah, das ist ja an sich eine interessante Sache. Ich hab mich schon so oft gefragt, wie man Schnitte *richtig* abändert (ich murkse immer so lange rum, bis es passt), und dann Bilder dazu zu haben, ist schon fein.
    Mich wundert es, dass bei den Grundlagen nicht auf große Oberweiten eingegangen wird. Das ist doch eine Figurbesonderheit, die viele Frauen haben, genau so wie breite Hüften... auf der anderen Seite find ich es immer ganz hilfreich, einfach Tipps zum Kaschieren/Betonen zu lesen, ob man nun das spezielle "Problem" gerade hat oder ein anderes.

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    1. Solange du erstmal mit dem Ergebnis zufrieden bist, ist doch schon viel gewonnen! :D
      Mir hat es allerdings auch sehr geholfen, mal die Reihenfolge der Änderungen gut erklärt zu bekommen. Besonders, weil sich manche Probleme schon erledigen, wenn man ein anderes zuvor löst. (Beispiel? Falten ums Armloch lösen sich gut auf, wenn man entsprechende Änderungen am Rücken macht).

      Und zu Änderungen von großer Oberweite: Also das wird da natürlich im Grunde erklärt, aber auf so große Unterschiede zwischen Brust und Taille wie bei mir wird eben nicht explizit eingegangen. Wenn man sich in das System aber reingedacht hat, lassen sich viele der Tipps gut übertragen! :)

      Zum Kaschieren oder Betonen kommen dabei auch ein paar Hinweise (z.B. wie man Prinzessnähte geschickt platziert) - aber dazu sollte man vielleicht doch ein eigenes Buch zu Rate ziehen. (Für solche Tipps wie "V-Ausschnitt kaschiert große Oberweite" oder so)

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  2. Ach....wenn ich ne Nähmaus wäre, wäre das Buch sicher wirklich was für mich. Aber so freue ich mich, dass du etwas Brauchbares gefunden hast und die Tipps und Tricks (dank Leipziger Unterstützung XD) auch umsetzen konntest.
    Ich freu mich jetzt einfach auf das Ergebnis und bin gespannt, was du uns bald zeigen wirst!

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    1. Ja, Leipziger Unterstützung, da sagst du was. Theoretisch könnte ich die Sachen sicherlich auch an mir umsetzen... aber nicht in einer Person. Das ist ziemlich nervig. ^^°
      Aber das gute ist: wenn man sich einmal Mühe mit einem Grundschnitt gibt, kann man damit ja quasi alles anfangen! :D

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  3. Also erstmal bin ich immer wieder schwerstens beeindruckt davon, dass du das alles wirklich machst und kannst. Und wenn du noch irgendwo eine Lücke in deinem Wissensschatz bemerkst, dass du dich da wirklich so durchfuchsen und reindenken kannst. Für mich sind Schnitte die über zwei Rechtecke hinausgehen ja schon einfach total unverständlich (und manchmal selbst die überfordernd XD)...
    Und nun passt du deine Schnitte auch noch professionell an.

    Das finde ich super! Deswegen erstmal hier an dieser Stelle: Wow! *-*

    Nun zu der Rezi - ich sehe schon, was du meinst mit "etwas länger geworden" - aber ich finde es total klasse, dass du da so genau drauf eingehst. So hat man wirklich einen guten Einblick in das Buch, was es kann, was es will und wo man vielleicht dann doch woanders weiter schauen sollte. Du hast dir da so viel Mühe mit gegeben - und es hat sich gelohnt! Informativ ohne schwallig zu sein :)
    Dass ich Nählegastheniker wohl nie wirklich mit so einem Buch zurechtkommen kann steht ja erstmal auf einem anderen Blatt ;)

    So. Und nun freue ich mich wahnsinnig auf die Jackeee ^^ *JackeJackeJackeJacke

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    1. JackeJackeJacke. XD
      (Hihihi. Ich konnte mir grad genau vorstellen wie du das vor dich hin murmelst. XD)

      Schön, das dir die Rezi gefällt und noch toller, das du meinen Ehrgeiz bemerkst. Man will ja doch nicht auf der Stelle stehen bleiben mit so einem Hobby, hab ich recht? :D

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  4. Ich habe bisher nur die Simplicity Nähschule und überlege, ein weiteres Änderungsbuch zu kaufen. Danke für diesen Review!

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    1. Gern doch! :)
      Ich hoffe, ich konnte ein bisschen Licht ins Dunkel bringen! :3

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  5. Wohl eher kein Buch für mich, wenn es nicht sehr ausführlich bei Ärmeln und Hosen ist :/
    Gerade bei Armkugeln habe ich immer riesige Probleme, genauso wenn es um den perfekten Sitz von Hosen geht ._.

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    1. I see. Allerdings - nur als kleine Anmerkung - Passformprobleme der Ärmel können auch vom Torso her kommen. Da könntest du also mal nach schauen. :)
      Ansonsten findest du aber sicherlich ein anderes Buch, dass dir bei diesen Problemen mehr hilft! :)

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  6. Danke für die Rezension! Auf das Buch bin ich schon im Hobbyschneiderin-Forum aufmerksam geworden - ich muss es mir auf Dauer wohl doch mal zulegen :)
    Ich wurschtel nämlich auch immer so lange rum, bis es halbwegs passt (meine Figur ist etwas speziell und wenn man dazu 14 cm kleiner ist als die Norm, wird echt haarig), da wäre es gut, mal etwas System drin zu haben.

    Aber dass wenig zu Hosen drin steht, wundert mich nicht. Das ist ein seeehr komplexes Thema, weil die Passform von Hosen wahnsinnig schwierig ist (denn die menschliche Körperform ist im Stehen und Sitzen sehr unterschiedlich, dementsprechend auch die Maße - daher kann jede Hose nur ein Kompromiss sein, nie sowohl im Stehen und Sitzen perfekt passen, außer sie ist aus Jersey).
    Ich habe zu diesem Thema das Buch "Pants für Real People" - es sieht vielversprechend aus, aber der Weg zur perfekten Hose ist laaaang, deshalb hab ich mich noch nicht rangetraut.

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    1. Das System solltest du damit wirklich gut verinnerlichen können. Zum Verlängern und Kürzen sind auch entsprechende Infos enthalten - und selbst wenn ein Schnitt diese Linien nicht hat, lässt sich das mit der Methode sehr gut bewältigen! :D

      Und ja, das mit den Hosen stimmt natürlich. Zu "Pants for real People" gibts doch auch andere Bücher, oder? Die sollen doch auch generell sehr gut sein, nur sind die halt englisch. Das liegt ja leider nicht jedem. :)
      Falls du den Weg zur perfekten Hose mal beschreitest, zeigst du es bestimmt auf deinem Blog, oder? :D

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    2. Ja, wenn ich mich an die Hosen rantraue, werde ich ausführlich präsentieren! Bis dahin beäugen das Buch und ich uns noch ein bisschen aus der Ferne. Aber drin gelesen habe ich immerhin schon :D

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