Donnerstag, 14. Januar 2016

Hä? Wie muss das Schnittteil? - Pattern Magic!

Die kleine Schwester von IT-Voodoo ist das kunstvolle Verdrehen, Zerteilen oder Aufbauen von Haute Couture-DIY. Man testet, berechnet und macht noch einen kleinen Beschwörungstanz - und das fertige Schnittmuster funktioniert - oder auch nicht. ^^
Und da ich mit "normalen" Schnittmustern schon schon so problemlos zurecht komme nach vielen Versuchen zumeist ein tragbares Ergebnis fabriziere, muss ich mich natürlich an diese Fortgeschrittenenübung wagen. Aber ich hatte ja Hilfe! 

"Pattern Magic 1 

- Phantasievolle Schnitte" von Tomoko Nakamichi



Na, hat irgendwer das Oberteil vom Cover schon wiedererkannt? ^^
Jep, die Inge aus "Geschickt Eingefädelt", trug in einer Folge so ein Kleid.

Das habe ich sofort erkannt, denn schon relativ früh in meiner Nähkarriere - 2011 erschien die erste Auflage dieses Buches - habe ich diese abstrakten Schnittlinien bewundert.
Da ich meine kreative Energie aber lieber in andere Dinge gesteckt habe, ließ ich es doch immer wieder stehen. So im Nachhinein eine gute Entscheidung, denn ich wäre ohne die Schnitt- und Passformkenntnisse, die ich im letzten Jahr gesammelt habe, wohl vollkommen verloren gewesen... Aber dazu gleich mehr.
  

Zunächst ein kleiner Überblick. "Pattern Magic 1" widmet sich Schnittmodifikationen für unelastische Materialien. Die insgesamt 13 Modifikationen basieren alle im wesentlichen auf einem "Oberteilgrundschnitt für japanische Frauen im Stil des Bunka Fashion College".
Hä?
Also kurz gesagt: Ein Standardoberteilschnitt wird abgewandelt. Dieser Standardschnitt wird auf zwei Seiten sogar kurz erklärt, es gibt auch eine Skizze, nach der man den Schnitt nachzeichnen könnte. Allerdings hat man hier natürlich direkt wieder das Problem, dass die durchschnittliche europäische Frau wohl keinen Brustumfang zwischen 77 und 89cm besitzt. Zumindest für mich kam also dieser Grundschnitt nicht in Frage.

Aber, nach meiner bescheidenen Einschätzung, ist das wesentlich undramatischer, als es vielleicht klingen mag. Zentral geht es ja darum, wie dieser Schnitt zu modellieren ist - und das funktioniert mit jedem gut angepassten Oberteilgrundschnitt (das dieser gut sitzt, sollte allerdings vorher getestet werden, sonst macht man sicherlich ganz wuschig).

"Otoshiana" - "Krater" - "Musubu"
Die 13 Modifikationen sind auf zwei Kapitel verteilt: "Durch Inspiration zur Form" und "Schnittmuster für die Haute Couture". Es finden sich Aus- und Einstülpungen, Raffungen, geometrische Perfektion, Stoffverflechtungen und organische Formen an den verschiedensten Stellen eines Oberteils und in einer abwechslungsreichen Vielfalt, die nur beeindrucken kann.

Die Veränderungen betreffen entweder Details oder die ganze Struktur eines Kleidungsstückes. Alltagstauglich ist hier allerdings relativ. Während ein "Kraterärmel" an einer Jacke, ich denke beispielsweise an einen eleganten Blazer, sicherlich wirklich toll aussieht, ist so eine "Bechertasche" ("Otoshiana") an einem Neoprenrock vielleicht doch eher unpraktisch. 
Die schönsten Projekte nützen allerdings wenig, wenn die Anleitungen nichts sind. Und hier liegt ein echter Knackpunkt des Buches: Die Anleitungen sind schwer.

Zeichnungen, kurze Erläuterungen und gelegentlich auch Fotos bilden den Anleitungsteil.

Verdammt schwer. Gut, gefühlt bestehen die meisten Veränderungen "nur" aus drei Schritten, die haben es dafür aber wirklich in sich.
Der eingangs erwähnte Grundschnitt wird mit Linien, Einschnitten und neuen Elementen zum neuen Schnitt umgebaut, dabei helfen jede Menge Zeichnungen. Hierbei liefert die Autorin immer auch Maße mit, die das Arbeiten erleichtern sollen. Diese muss man aber mit Vorsicht genießen - denn 5cm bei einem Brustumfang von 80cm wirken sicherlich ganz anders als bei 110cm.  Man sollte also eine recht gute Vorstellung seiner eigenen Figur mitbringen.

Dazu werden die Schnittanpassungen auch immer in kleinen Texten erläutert. Diese wirken beim ersten Lesen zwar manchmal wie eine Textaufgabe im Matheunterricht ... nach einigem Lesen (und teilweise auch einfach "ausprobieren") bekommt man aber durchaus ein Verständnis für die Arbeitsaufträge.

Tja. Und wenn man Glück hat, hat man danach einen schönen Papierschnitt angefertigt, der an eine flache Variante von Origami erinnert. Was dann?
Dieses Buch liefert über die Schnittentwicklung hinaus (fast)* keine weitere Hilfestellungen. Keine Näherläuterungen. Keine Tipps für Stoffe, Vliese oder andere Materialien. Keine Techniken, nichts.
Gut, manchmal kann man an den Projektbeschreibungen noch ein Material ablesen oder es wird zumindest ersichtlich, dass hier nur ein Nesselmodell angefertigt werden muss.
Alles darüber hinaus sind aber Kenntnisse, die man definitiv mitbringen muss.

*Wenn ich an dieser Stelle von keinen weiteren Hilfestellungen spreche, unterschlage ich natürlich die vereinzelten Stellen, wo man doch einen kleinen Hinweis bekommt. Allerdings bin ich dennoch der Meinung, dass man trotz dieser kleinen Handreichungen ein großes Maß an Kenntnissen, Erfahrungen oder zumindest Motivation mitbringen muss, um diese Projekte erfolgreich zu beenden.

"Drapierung"
Natürlich musste ich mich auch an einem Projekt versuchen. Zugegeben, die Auswahl ist mir wirklich nicht leicht gefallen... und auch wenn ich wirklich gern ein Kleid mit Würfeln auf dem Busen hätte, habe ich mich lieber für etwas alltagstauglicheres entscheiden wollen.

In meinem Fall war das das Anwendungsmodell zur "Drapierung": ein Kleid mit einer "einfachen Drapierung", also ohne zusätzliches Verdrehen des Stoffes.
Links auf den Foto seht ihr die Vorlage, rechts mein etwas schlaff daliegendes Probeteil.

Ich sage euch, beim Zeichnen habe ich mir nicht nur einmal das Hirn verknotet. Zumal meine Figur gut 25cm von den Brustmaßen dort abweicht, ich also auch die Maße und Abstände für die Veränderung mehr geschätzt als gewusst habe... Aber als ich das Probeteil dann angehalten habe, war ich doch ziemlich angetan!
Jetzt muss ich mich nur noch für eine passende Stofffarbe entscheiden - zur Auswahl stehen Eisgrau und Altrosa - und dann wird das gute Stück genäht!


Ach ja, und wenn sich jemand wundert, dass die Schnitte im Buch und auf den Fotos so winzig aussehen: Die Beispiele sind in einem verkleinerten Maßstab für Puppen gefertigt. Irgendwie niedlich oder? ^^

Fazit

Ein großartiges, spannendes Thema, dass viele neue Freiheiten ermöglicht. Ich bin in mindestens die Hälfte dieser Abwandlungen ziemlich verliebt!
Aber - und das ist ein großes "aber" - auch bzw. gerade nach meinem ersten Versuch muss ich noch mal einsehen, wie schwierig und komplex dieses Thema ist. Und dass die Anleitungen in "Pattern Magic 1" so kurz und knapp sind, dass man vorher entweder fortgeschrittene Kenntnisse für Passform, Schnittmuster, Materialien haben oder auf sein Schnitt-Voodoo vertrauen muss. ;)

Das ist ganz definitiv nichts für Anfänger und nichts, was man im Schrank stehen haben muss - das ist der großen Liebe für Ausgefallenes und Aufwendiges vorbehalten.

Abschließend bedanke ich mich noch beim Stiebner-Verlag für die kosten- und bedingungslose Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

Kommentare:

  1. Eine tolle und ehrliche Besprechung eines wirklich speziellen Titels.
    Für mich ist es ja schon ein großer Zauber Manitus, wenn eine Hose genäht wird (das ist für mich schon ein schier unüberwindbarer Knoten im Hirn oO) - bei diesen Projekten würde ich mich wohl weinend in eine ecke setzen und nach Mami rufen XD
    Dabei sind sie echt spannend! Das Schleifen-Kleidchen finde ich zum Beispiel sehr sehr niedlich - und deine Drapierung (wieso oder bei der Farbwahl *hihi? Aber spontan? Eisgrau ^^) sieht zauberhaft aus!

    Ich glaube, dass du alte Tüftelnase genau der richtige Adressat für dieses Buch bist! ^^ Auf das erste fertige Ergebnis bin ich super gespannt :D

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    1. Hihi, an Hosen habe ich mich ja mittlerweile so gut gewöhnt, das ich bei Hosenreißverschlüssen nur noch ein gutes dutzend Mal am Original nachschauen muss... ;D

      Und warum "oder" bei der Farbwahl? Es gibt ja noch andere schöne Kleider, die ich nähen könnte... da brauche ich ja keins in doppelter Ausführung. ;D

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  2. Hallo,

    Danke für deinen ausfphlichen Bericht! Über das Buch bin ich schon einmal irgendwo gestolpert und seither stand es auf meiner mentalen Wunschliste. Nachdem ich deinen Post gelesen habe, bleibt es wahrscheinlich noch eine Weile dort ;)
    Ich finde die Idee dahinter nach wie vor faszinierend und die Modifikationen allesamt sehr interessant, aber vorerst ist mir das, glaube ich, zu kompliziert.
    Trotzdem bin ich sehr gespannt, wie sich dein drapiertes Kleidungsstück weiterentwickelt und werde es wahrscheinlich ehrfürchtig bewundern, wenn es fertig ist.

    Liebe Grüße, Rose

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    1. Hallöchen! :D

      Vielleicht magst du dich ja vorher wirklich ein bisschen mit Passform und co. beschäftigen? Dabei lernt man wahnsinnig viel, das man auch für solche abgedrehten Projekte verwenden kann! :D

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